Dazwischen

An dem Tag, da der Schatten von mir ging,
war es still draußen und die Wolkendecke zeigte zum ersten Mal seit Tagen Lücken,
ließ Licht und Farben hindurch;
zaghaft freilich nur,
winterliches Pastelllicht;
dabei sei es verblüffend warm gewesen, wie alle sagten.

Ich drehte den Kopf zur Seite,
so gut es mir bereits wieder möglich war,
nach den hohen Fenstern, um dieses bisschen an Tag zu erhaschen
und empfand – endlich nach Wochen, vielleicht Monaten –
so etwas wie Frieden.

Nicht lange davor,
am Tag nach der ersten Operation,
hatte ich dagelegen und den Vögeln hinterher geblickt.

Sie zogen in Schwärmen, Ende Dezember,
viel zu spät in diesem Jahr
(doch wen kümmert das, wenn die Dinge ihr Gleichgewicht verloren haben?).

Ich versuchte zu bestimmen,
in welche Himmelsrichtung es sie wohl treiben möge
und ob es mir Glück bringen würde,
wenn sie der aufgehenden Sonne entgegen zogen.
Es sah gut aus, zunächst.

Doch ein Vogel,
ein großer,
flog in die falsche Richtung.

Ich hatte es gewusst,
die ganze Zeit,
dass die Nachrichten nicht gut sein würden.

Der Schatten stand hinter meiner Schulter.

Seit langem schon und er war geblieben,
obgleich alle lächelten und meinten,
nun werde es mir bald besser gehen
und alles in Ordnung sein.

Das erste Mal hatte ich ihn
an der Bushaltestelle vor dem Haus wahrgenommen.
Ich musste mich umdrehen; ich fühlte mich angestarrt.
Aber da war niemand.

Ein namenloser Schatten,
eine Ahnung nur:
Etwas ist falsch.

Ich weiß nicht, ob ich den Termin da schon hatte.
Ärzten erzählt man so etwas ja auch nicht.
Ich versuchte sorglos zu bleiben und hatte Angst, ohne zu verstehen warum.

An jenem Tag aber wusste ich es bereits.
Und ich lächelte zurück und versprach,
ja, gewiss werde es mir in ein paar Tagen besser gehen.

Die Nachricht kam gegen Abend.
Kurz und bündig und in Gestalt eines sehr grauen Menschen.
Alles an ihm war grau.
Die Augen, die Haut, die Haare, der Blick.
Seine ganze Erscheinung,
selbst seine Stimme und die Art sich zu bewegen,
hatten etwas Entfärbtes.

Man konnte sich verwundert fragen,
warum dieser Mann Arzt geworden war.
Er wirkte, als könne er grundsätzlich nur Sätze sagen wie:
„Sie haben nur noch zwei Wochen zu leben“
oder „Tut mir Leid, Sie haben Krebs“.
Letzteres war es, was er zu mir sagte.

In medizinisierter Form freilich und ohne das „Tut mir Leid“.

Stattdessen ein hilfloses: „Alles in Ordnung mit Ihnen?“
auf meinen Blick in dem Moment, als mein Verstand begriff,
was meine Wahrnehmung längst wusste.

Meine Aufregung war kurz;
es war ja auch nur der Verstand, der sich aufregte.
Seine mitgeführte Assistenzärztin reichte mir
mit Mitleidsmiene eine Taschentücherbox.

Der Mann mit dem grauen Gesicht hielt einen Vortrag über meine erstklassige Heilungsprognose
nach der zügig durchzuführenden zweiten OP.
Mein Verstand hörte zu und bemühte sich um vernunftbegabte Fragen und Antworten.

Der Schatten war riesengroß an jenem Abend.

Drei Tage später war er verschwunden.

Das Dazwischen war unwirklicher als alles in meiner Erinnerung.

Zwischen den Jahren nennen wir diese Zeit.
Und darin liegt doch immer auch etwas von:
in der Schwebe,
zwischen den Möglichkeiten,
zwischen alt und neu,
zwischen den Leben.

Nie habe ich das so stark empfunden zuvor.

Ich verschwand in einem wirbelnden Abgrund und kam wieder,
noch ohne ganz anwesend zu sein.

Bis auf meine alte Lust an der Provokation:
Dass man sich innerhalb von drei Tagen zweimal den Hals aufschlitzen lassen und das überleben kann – das sei schon bemerkenswert,
erzählte ich jedem, der es hören wollte
und allen übrigen erst recht.

Das, was mich hätte zerstören können, war fort.
Ich wusste es, aber ich konnte es noch nicht spüren.
Dieses Mal war der Verstand schneller.

Sylvester wurde gefeiert, laut wie immer
und gegen Mitternacht konnte man den Himmel nicht mehr erkennen.

Die Menschen bevölkerten die Straßen
und ich war nicht dabei.

Wir saßen allein und in aller Stille
in einem merkwürdigerweise leeren Aufenthaltsraum;
der Blick ging zum Hinterhof;
das Feuerwerk konnte man nur erahnen.

Der alkoholfreie Sekt schmeckte nach Pisse
und brachte uns damit zum Lachen.
Die Pfleger trugen alberne Papphütchen und warfen mit Luftschlangen.

Ich saß unbeweglich, eingeschlossen in einem Kokon
Aber ich war nicht unglücklich,
denn ich konnte fühlen, durch die Hülle hindurch,
dass ich nicht allein war.

In dieser Nacht, in meinen Träumen, kämpfte ich mit den Geistern
( und ja, es gelang mir schließlich, sie zu vertreiben),
reiste durch die Zeit und tanzte am Ende,
frei und sehr am Leben
zu Santanas „Black Magic Woman“ auf einem imaginären Festival.

Der Schatten ging am Neujahrsmorgen.

 

notiert, 20.01.2012

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