Verortung

Die Lichter spiegeln sich hell gegen den Nachthimmel in südlicher Richtung,
denn es sind Wolken aufgekommen.
Hoch und starr im Dunkeln scheinen sie etwas anzuzeigen.
Vielleicht das Ende der hellen Tage?
Ich sehe Wind in den Zweigen.
Und noch wirken die Blätter fest und grün,
mitten im Herbst.

Ich warte auf jenes Gefühl der Veränderung, dass sich,
bekannt seit vielen Jahren,
immer zeigt in Richtung November.

Die schöne, vertraute Ahnung, die Dinge – das Leben selbst vielleicht sogar –
wandeln zu können.
Ein gutes Gefühl.

Ausgerechnet jetzt, in dieser Zeit,
da so vieles im Wandel begriffen scheint oder darauf harrt,
mag das Gefühl sich nicht recht einstellen.

Ich habe es kurz gespürt, gestern
im Spätlicht am Alsterufer.

Im Stehenbleiben und Hinausschauen,
im Zur-Ruhe-Gekommen-Sein,
kurz bevor der Wandel einsetzen darf …

(den man begrüßt in jenem Moment darauf, aber eben erst dann,
weil man sie vorher wenigstens kurz gespürt haben muss:
die Befreiung von der Zeit…)

Hast Du es auch gespürt?
Ich denke ja.
Ich wünsche es uns.
Ich spüre jene Ruhe in der Erinnerung,
doch empfinden kann ich sie jetzt gerade nicht.

Es ist dunkel geworden.
Und in der Dunkelheit vermehren sich die Worte.
Manchmal stützen sie uns und verhindern,
dass wir fallen im Dunkeln.
Manchmal beginnt die Sprache zu leuchten
und verwandelt unsere Gesichter.
Manchmal bohren sich die Worte tief in unsere Gedanken,
graben sich durch verwucherte Traumgebilde
und lassen uns sprachlos zurück,
inmitten der Nacht.

(Irgendwo hinter diesen hohen, starren Wolken müsste der Mond sein)

Wir fürchten uns vor der Sprachlosigkeit und klammern uns aneinander, wenn wir allein sind mit ihr.
Und die Worte,
die keinen Weg über die Lippen finden im Dunkel,
fließen durch die Haut,
übertragen sich schweigend von Körper zu Körper,
von einem Wesen zum anderen…

(Komm, wir tricksen sie aus, die Sprachlosigkeit und die Angst!)

Die Nacht verwandelt sich in Nebel gen Morgen und hebt sich.
Es war immer im Herbst,
wenn die Dinge bei mir ihren Beginn hatten.
Warum sollte das anders sein in diesem Jahr, das vor einem Jahr im Herbst begann?

Der Tag heute war leer und hell ab Mittag.
Wir haben uns verabschiedet, als würde einer von uns in die Antarktis aufbrechen.

Ich sitze am Fenster und trinke Wein aus einem grünen Glas.

Es ist Montagabend, dunkel
und die Nachbarn ringsum gucken Fernsehen.

Verortung.

Das ist jetzt.
Nicht mehr.

Das war gerade eben.

Und das, was morgen sein wird, gibt es noch nicht.

Ganz einfach. Banal.

Worte sind wunderbar.
Sie stellen sich über uns und erinnern uns daran,
wie viele Dinge im Kern ihres Wesens ganz einfach sind.

(Und sie scheitern regelmäßig an jenen Dingen, deren Kern uns doch immer unergründlich bleibt)

Sie kommen in der Nacht,
erfinden Gedanken
und geben ihnen Namen.

Wir erklären uns die Welt mit ihrer Hilfe
zwischen Mitternacht und Feierabend
und liegen verwirrt und verstört zwischen ihnen,
auf unserer Flucht in den Schlaf.

Die Worte stören uns und beruhigen uns,
die eigenen inneren und die fremden von außen,
und indem wir mit ihnen ringen,
immer wieder,
verorten wir uns in der Welt.

Wir brauchen sie.
Voreinander,
vor dem nächsten Tag
und selbst allein im Dunkeln, wenn sie keiner hört, die Gedachten.

Menschen leben durch ihre Worte.

So lasse ich sie zurück,
in diesem Moment in der Zeit,
allein im Dunkeln,
meine geschriebenen Worte
und nehme sie in Gedanken mit.

Als ich jetzt hinausschaue,
sehe ich keinen Wind mehr
und die hohen, starren Wolken haben sich aufgelöst.

 notiert, 17.10.2011

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