Ein Anflug von Dunkel am hellichten Tage

Manchmal frage ich mich, woran es liegt, dass ich fast immer zuerst von etwas schreibe, das ich gerade sehe.
Ob es Tag ist etwa oder Nacht,
wie das Licht auf die Hausdächer fällt
und von den Uferlandschaften, die man in Wolken erblicken kann.
Ich schreibe von etwas was da ist,
außen um mich,
klar erkennbar und nur zufällig mit diesem Moment verbunden,
in dem ich mich hinsetze und zu schreiben anfange.
Danach erst komme ich zu dem,
was meinem plötzlichen Entschluss zu Grunde liegt
und erzähle was innen ist,
was mich umtreibt, unsichtbar.

Warum ich das so mache, weiß ich nicht.
Vielleicht eine Rückversicherung darauf,
dass die wirkliche Welt noch da ist,
dass sie weiterexistiert, unabhängig von mir.
Dass ich existiere,
solange da diese Welt ist, die ich wahrnehmen kann…?

Ich finde mich nicht in diesen heutigen Tag.
Er ist da, ist um mich,
mit Wolken und Licht und Flugzeugen am Himmel.
Er flirrt fast in einer späten Erinnerung an den Sommer
(erfunden, wie alle Erinnerungen in gewisser Weise sind).

Ich kann die Straße hören und empfinde den Tag dennoch als still.
Ich friere, aber es ist warm.
Ich fühle mich dunkel in dieser unwirklichen friedlichen Helligkeit.

Ich sollte, ich müsste, ich könnte…
…eine lange Liste mit zahllosen derartigen Sätzen abarbeiten.
Den Tag aus seiner aus-der-Zeit-Gefallenheit holen,
indem ich ihn mit einem möglichen Morgen verknüpfe.

Ein mögliches Morgen…
Morgen ist doch immer nur „möglich“ und nie darüber hinaus denkbar.
Es ist möglich, aber nicht da
und deshalb in diesem Moment keine Hilfe.

Ich könnte etwas für heute tun.
Die Fensterbank wischen,
die da so vernachlässigt und mit Straßenstaub bedeckt vor mir liegt.
Die toten Zweige forträumen und dafür sorgen,
dass der Erker mit seinen Pflanzen
wieder schön und einladend aussieht.

Dinge, die wir täglich sehen, verlieren sich im Gesehen-Werden.
Der Wert, den wir ihnen einmal beigemessen hatten, verflüchtigt sich.
Das ist schade und man sollte dagegen steuern.
Aber ich finde mich nicht in diesen verflixten Tag!

Ich habe Hunger, mir ist kalt und die Sonne scheint.
Es ist halb vier.
Wenn ich das jetzt twittern würde, interessierte sich jemand dafür?

Ich sollte doch, ich müsste eigentlich, ich könnte doch mal…
…ich will das alles nicht.

Es ist wie damals,
als mir dann irgendwann auch die Worte abhanden kamen.
Es ist wie damals und ist es doch wieder nicht.

Denn ich habe heute Worte dazu
und sogar einen Menschen, mit dem ich sprechen kann…
(und ich liebe Dich dafür, dass wir sprechen können
und das Gesagte begreifen.
Das ist mehr, als ich jemals hatte…)

Trotzdem finde ich nicht in diesen Tag!
Und nicht zu den Dingen, die zu geschehen haben.

Es ist wie Schlafen während rundherum alles Tag ist,
hell und in Bewegung.

Ich schlafe, während ich schreibe,
während ich am Fenster sitze und die Wolken beinahe stillstehen.

Es ist auch, wie im Schlaf, egal ob man gerade friert oder hungrig ist.
Man bewegt sich in Gedanken in tausend Richtungen,
ohne sich zu rühren.
Festgehalten im Schlaf,
im Irgendwo außerhalb der Zeit.

Das ist nicht, wie es sein sollte aber es ist so.
Ich weiß nicht recht, ob ich den Schlaf begrüßen sollte
oder mich dagegen wehren.
Wer weiß, wann ich aufwache und ob?

Die Grausamkeit der Außenwelt ist dieser Tage
ebenfalls eine nicht berechenbare Größe.
Ich traue ihr und ihren Akteuren mittlerweile alles zu
(was wiederum die ironische Frage aufwirft, welche Akteure da denn auch sonst sein sollten, als die der Außenwelt?)
Das mit der Rückversicherung in die Wirklichkeit klappt also noch.
Immerhin. Auch nicht selbstverständlich.

Agieren und nicht nur funktionieren.
Sollen dürfen, müssen wollen und können sollen…
Manchmal, jetzt gerade um ehrlich zu sein, ist mir das alles zu viel
und dann finde ich nicht in den Tag.

Findet er mich? Lohnt es, darauf zu warten?
Ich stelle mich in die Ecke, wo die Sonne nicht hinfällt
und betrachte den Lichtkeil auf der Tischplatte.
Ein Anflug von Dunkel am helllichten Tage.

Wenn ich es zulasse, vielleicht streift es mich wieder nur kurz und verliert sich im Weiß.
In der aus der Zeit gefallenen Klarheit dieses Tages,
die so wenig mit dem zu tun hat, was in mir ist,
weshalb ich einfach nicht hineinfinde in diesen Tag…

notiert am 29.11.2011

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