Dunst

Der Tag schwebt im Dunst.
Die Schatten sind eigentümlich lang,
die Luft gelblich und sie sieht tatsächlich wärmer aus, als sie ist.

Zwischen dem Gilbweiß der Luft das helle, springende Grün von Frühlingsblättern.
Der Tag schwebt wahrhaftig,
scheint keinerlei Berührung mit dem Boden zu haben
und die Luft, so nah,
schafft eine seltsame Distanz zwischen den Dingen

Den Blick in den Dunst gerichtet, gegen die Nachmittagssonne,
ergänzt das Wissen um die vertraute Silhouette der Stadt
die unsichtbaren Gebäude in der Ferne.

Was wäre aber, wenn der Dunst sich hebt
und da wäre plötzlich etwas ganz anderes, nie gesehenes?
Unbekannte Gebäude,
ein riesiger Wald,
ein Ozean?

Ich laufe durch den Dunst dieser Tage.
Ich kann nicht sehen was vor mir liegt und um ich.

Die Möglichkeit des vielen, was sein könnte,
macht es verlockend.
Die Angst vor manchem, was auftauchen könnte aus dem Nebel,
macht es bedrohlich.
Die Erinnerung an die Schatten vergangener Nebeltage
macht es bedrückend.

Was, wenn die Stadt ihr Antlitz verändert hat, sobald man wieder sehen kann?

Was sehe ich, wenn ich geradeaus in den Spiegel starre?

Ein Abbild des Tages,
den Dunst und die Möglichkeiten und etwas dahinter,
eine Geschichte und einen Traum,
einen Schatten und einen Schimmer.

Zu viel, um es auf vier Seiten .pdf per Email zu versenden
(Ich habe keinen Lebenslauf. Ich habe ein Leben!).
Interessiert sich jemand wirklich dafür
außer mir und Dir und ein paar Leuten im Vorübergehen?

Ich habe sie satt, die Emails und die Anzeigen.
Die verlogenen Angebote und die standardisierte Ablehnung.
Das Nicht-Stattfinden,
das Außen-Vor-Bleiben vor etwas,
von dem ich im Grunde längst weiß, ich will gar nicht hinein;

die mit gesellschaftlicher Bedeutsamkeit aufgeblasene Bedeutungslosigkeit all dieser –
Jobs.

Ich habe sie satt.
Und habe nichts, wovon ich mich ernähren könnte.

Ich stehe im Nebel und es ist Tag
und viel zu hell um verloren zu gehen.

Es geht mit nicht einmal schlecht
und dennoch quält mich die Situation.
Das Nicht-Sein,
das was war und die Angst vor dem,
was kommen könnte, wenn ich es nicht verhindere.

Ich habe Angst und ich habe Ideen und beides kämpft,
im Nebel, mitten am Tag.

Es ist eine dünne Schale,
die splittern kann bei der kleinsten Berührung.

Ein Blatt Papier, ein paar Worte am Telefon reichen aus.
Wenn die Schale splittert,
könnte ein Baum daraus wachsen oder ein Vulkan ausbrechen,
vielleicht auch beides.
Auf Lavaerde soll es sich gut wachsen, hat man gehört…

Ich werde die Wut nicht los dieser Tage.

Es ist eine alte Wut.

Heiß und zäh,
dunkelrot bis schwarz;
wo sie trifft, wächst kein Gras mehr.

Es ist Magma, geschmolzenes Gestein,
die versteinerten Blicke all jener, die sich abwenden.

Meine Magmakammer hat mich begleitet,
seit sich irgendwann vor Jahrzehnten
das erste Mal Menschen von mir abgewendet haben
und getan, als sähen sie mich nicht.

Es waren andere damals,
Kinder wie ich, mit Angst vor allem,
was sich ihnen nicht sofort erschließt.

Die heutigen, all die anonymen Gestalten
mit den Bewerberstapeln auf ihren Schreibtischen –
ich kenne sie nicht.

Und doch sehe ich sie vor mir in einer Reihe stehen,
alle gleich und in die Ferne verblassend,
wie die Dinge in einem Spiegel, dem man einen zweiten gegenübergestellt hat.

Was kann ich tun mit dieser Wut?
Wenn ich den Spiegel zertrümmere, ist da nicht,
wie erhofft, ein Lavastrom der alle verschlingt,
nur ein Kratzer an meiner Hand.

Und an der nächsten spiegelnden Bürohausfassade
tauchen neue Gestalten auf.

Wenn aber der Nebel sie unsichtbar macht,
verspüre ich eine Art Erleichterung.

Der Nebel umhüllt alles dieser Tage,
lässt die Bürohäuser im Ungewissen verschwinden
wie die Frühlingsbäume und den fernen Fluss.

Wenn man nichts sieht,
muss man sich die Dinge vorstellen, die da sind.

Und sie könnten alles sein dann,
jedwede Farbe und Form annehmen.

Die Freiheit im Ungewissen.
Das große Versprechen an der Grenze,
das dahinter sich alles finden ließe,
wenn man nur gründlich genug sucht.
Verlockend und verstörend.

Der Dunst hat sich nicht gehoben heute,
hat die Sonne nicht vollständig freigegeben.
Sie verbirgt sich nun, dem Abend zu,
gänzlich hinter dieser grauen Fläche, die gerade der Himmel ist.
Man sieht keine Schatten mehr
und keinen Glanz an die Wand gezeichnet.

Der Tag schwebt.
Und ich mit ihm.

 

notiert, 01.04.2014

3 Kommentare zu “Dunst

  1. Sofasurfer sagt:

    Da surft man so gedanken- und ziellos durch die Gegend – und plötzlich ein solcher Text! Worte zum Innehalten, Worte zum mehrfachlesen, Worte zum Wiedererkennen eigener Gedanken und Gefühle. Ein schöner kleiner Moment der innernen Einkehr.

    Du scheinst das ja hier neu gestartet zu haben. Ich werde sicher wieder mal reinschauen…
    Bis dann, LG Sofasurfer

    • Deliah Rill sagt:

      Hallo Sofasurfer!
      Vielen Dank für die schönen Worte. Es freut mich, dass Dich der Text berührt hat.
      Ja, ich bin hier erst ganz frisch dabei – seit vorgestern… Da tut so ein Lob gleich doppelt gut 🙂
      LG
      D.

  2. traurigschön und fesselnd!
    danke, msp

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