Bei Vollmond

In Vollmondnächten fällt es mir nicht leicht, zu schlafen.

Es ist kühl draußen jetzt und nahezu klar.

Die Ränder der Wolken schimmern grün.

Ein Donnerstag um eins
und in vielen Fenstern ist noch Licht.

Ich warte darauf, dass ich müde werde
und eigentlich bin ich es längst.
Nur ist da diese Unruhe, die mich wach bleiben lässt.
Ich spüre sie in der Luft,
höre sie auf der Straße
und rieche sie durch die irritierende Helle dieser Nacht.

Es ist der Vollmond, der die Unruhe mit sich bringt, immer wieder.
Und sie hat noch nicht einmal etwas Negatives.

Es liegt Erwartung darin;
ein wenig Ungeduld vielleicht
und das Wissen, dass Ereignislosigkeit
einer der vorübergehendsten Zustände überhaupt ist.

Die Unruhe in einer Vollmondnacht birgt auch Sehnsüchte
und das Bewusstsein darüber, dass man lebt.

Und so vermengt sie sich heute mit der Unruhe,
welche ohnehin in mir ist dieser Tage,
jener seltsamen Geschäftigkeit
im Hinblick auf meine Zukunftsgestaltung,
die mir vor wenigen Wochen noch so fern erschienen war.
Jetzt gebe ich mich hinein,
freiwillig;
und gehe mich anbieten mit dem, was ich kann
und vorgeblich– manchmal vielleicht sogar tatsächlich – auch will.
Ich halte einen Vortrag:
„Die vergangenen zehn Jahre
meines Lebens in fünf Minuten zum Mitschreiben“
– immer wieder, mit wachsender Routiniertheit.
Und interessanterweise gelingt es mir dabei,
Eindruck zu machen auf Menschen.

Vielleicht stimmt es sogar.
Vielleicht ist das, was ich in und aus den letzten paar Jahren gemacht habe,
wirklich auch eine beeindruckende Bilanz
und nicht nur eine Abfolge von Katastrophen, Rückschlägen und gescheiterten Plänen?

Immerhin bin ich noch da.

Ich bin nicht weniger geworden.

Es kommt demnach auf die Lesart an.
Und ich versuche gerade,
der Welt eine für mich möglichst vorteilhafte Lesart beizubringen.

Ich möchte wahrgenommen werden.
Ich glaube, ich wollte immer wahrgenommen werden.
Wenn ich es tatsächlich darauf anlege,
das merke ich gerade wieder, ist das gar nicht so schwer…
Es gelingt manchmal, während ich an einer Haltestelle stehe und auf den Bus warte.
Es gelingt vor denen, die mich kennen (in großen Teilen jedenfalls)
und vor dem einen, der mich liebt (Vollständig. Wahrscheinlich das Wesen der Liebe…)
Warum also nicht auch einmal in einem ganz anderen Bereich?

Aber wahrgenommen werden heißt eben zuallererst einmal Aufmerksamkeit erregen.
Wahrnehmen ist nicht gleichbedeutend mit Erkennen.
Irgendwo in mir habe ich wahrscheinlich immer noch (oder wieder?)
die Sehnsucht, erkannt zu werden.

Vielleicht verlange ich da doch zu viel von der (Arbeits)Welt,
diesem erschreckend banalen Ort,
an dem sich zu Hause zu fühlen mir noch nie begegnet ist.
Zu Hause – das war immer auf der anderen Seite.
Die Gegenwelt, die sich nicht zusammenfügen lässt
mit einem dieser fünf-Tage-die-Woche-von-morgens-bis-abends-und-immer-an-die-Firma-denken Entwürfe.

Es schüttelt mich beim Gedanken,
ein Leben (mein Leben!) so zusammenzupressen.

Nach wie vor und immer noch.

Und trotzdem ist da diese Unruhe, die,
wie gesagt, gar nichts Negatives hat.

Mein nach langer Zeit wieder aufgetauchter Ehrgeiz, es dieser zusammengepressten Welt zu zeigen,
dass ich in ihr bestehen kann,
ohne zerquetscht zu werden.
Dass ich gut bestehen kann.

Das Mondlicht fällt auf alle diese Gedanken mit einer gnadenlosen Gelassenheit
und lässt die Unruhe der Menschen auf der Straße
und hinter den hellen Fenstern – und meine eigene –
absurd erscheinen.

Eine Sommernacht im August

mit den Geräuschen der Stadt im Dunkeln,
wenn alles so viel näher klingt als am Tage
unter einem runden Mond mit grünen Wolken –
nicht weniger und nicht mehr.

 

notiert, 02.08.2012

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s