Aufforderung

Es ist halb zwei und es regnet.
Nichts da draußen, was zu versäumen wäre.
Der Tag plätschert dahin (im wahrsten Sinne).

Die Regenrinne draußen vor dem Balkon, den niemand betreten darf
und drinnen die Abwasseranlage der Station.
Eine anhaltende Geräuschkulisse, auch nachts,
irritierend.

Ich warte auf den Ausgang dieser drei eingeschlossenen Tage.
Einen Ausgang, den ich nicht kenne, jedoch zu kennen wünsche –
in die eine Richtung freilich nur, nicht in die andre…
Es ist das dritte Mal und es ist geplant,
Routine, ohne Not und natürlich habe ich Angst.

Jemand hat einen papierenen Schmetterling an die verriegelte Balkontüre geklebt.
Eine farbige Geste, immerhin,
in einem ansonsten vollständig schmucklosen Raum.
Vielleicht war ein Kind hier, kürzlich.

Ich nehme den Schmetterling als gutes Zeichen.

Es ist trist hier, doch nicht bedrohlich.
Die hierher kommen
sind die Glücklichen, weit entfernt davon zu sterben
an dem, was sie hätte töten können
(Ich habe andere gesehen in den letzten Tagen. Die Patientenaufnahme der Krebsstationen ist ein furchtbarer Ort).

Hier aber ist die Angst dezent und bleibt im Hintergrund.
Morgen wird sie sich zeigen, kurz, wenn sie meinen Körper durchleuchten
auf der Suche nach Spuren des Monsters, das versucht hatte, mich aufzufressen
(ja, ich habe manches Mal an die Alien-Filme gedacht.
Vielleicht hatte der Drehbuchautor ja Krebs oder kannte jemanden…).

Die Angst wird sich zeigen
und ich wünsche, dass sie verfliegt danach,
verfliegt und sich auflöst endlich im Licht,
in der Lebendigkeit eines Tages.

Die Lebendigkeit eines Tages…

Bei der Arbeit, der ich zur Zeit nachgehe, ist diese mir mindestens ebenso fern wie hier.
Und das scheint mir eher ein Skandal als eine Tragik.

All das was ich im vergangenen Jahr,
noch halbherzig auf der Suche, beklagt hatte:
die Zwanghaftigkeiten der Arbeitswelt,
die Selbstentfremdung,
die Negation all dessen, was ein schönes Leben,
eines in dem man sich selbst beständig sieht und spürt, ausmacht –

in all dem bewege ich mich nun tagtäglich
und es wird davon nicht besser zu ertragen.

Mag sein, dass es dem einen oder anderen dort genauso geht
(wie sonst könnte ein Eulenpaar in einem leerstehenden Bürogebäude gegenüber
die Begeisterung der gesamten Belegschaft auf sich ziehen?),
doch scheint der Grad der Entfremdung
(die meisten dort sind seit vielen Jahren dort)
oft so weit fortgeschritten,dass die Menschen sich gegenseitig
gar nicht mehr als Menschen zu erreichen versuchen.

Sie erfüllen ihre Rollen,
Archetypen des Büroalltags,
erfüllen ihre PFLICHT
und selbst die Freiheiten innerhalb dieser sind reglementiert.
Von außen, von „oben“ oder aus den Menschen selbst – das geht verloren.
(Sie bieten diese Untersuchung hier sogar am Wochenende an.
Für Berufstätige. Damit niemand bei der Arbeit fehlen muss, nur weil er vielleicht gerade wieder Krebs hat.)
Die Frauen, die mit mir hier sind, mitten in der Woche,
haben kleine Kinder oder sind selbstständig.
Ich weiß nicht, ob sie das Glücksgefühl der Pflichterfüllung kennen.
Mir jedenfalls ist es fremd.

Ein Glücksgefühl war es,
vorgestern ohne Ziel und Termin
durch die Straßen in meinem Viertel zu laufen
als es hell war und ein klein wenig nach Frühling roch.

Die Dinge, die dann zu sehen sind:
Das Licht über Dächern,
die Altbaufassaden,
ein schön hergerichteter Balkon oder Vorgarten.
Die kleinen Läden.
Der Markt.
Die Gerüche und Farben…

Die Schönheit von Gemüse an einem Dienstag.

Manchmal ist es das.

Oder auch: Mein Schlafzimmer, jetzt, nach der Renovierung, ein vollkommener Hort einer anderen Zeit,
die ich zu der meinen mache, wenn mir der Sinn danach steht.
Schönheit.
Ein bisschen zweckmäßig, aber hauptsächlich schön
(Schließlich ginge das alles auch mit Ikea).
Es macht mich glücklich in meinen Räumen zu sein, wenn diese SCHÖN sind in meinen Augen.

Schon eine Art Rückzugsromantik und ich frage mich, ob das eine typische Reaktion dieser Zeit ist.

Folgt auf die permanent sich selbst optimierende Effizienzsteigerungsgesellschaft der Arbeitsameisen –
in die ja eigentlich auch ich hineingeboren wurde –
nun das Biedermeier des 21. Jahrhunderts?

Das hätte freilich fast schon etwas revolutionäres…

Ich muss da raus,
sage ich mir und habe doch keine wirklich befriedigend klare Vorstellung davon,
wohin ich denn möchte, um zufrieden sein zu können.

„Zufrieden“ nur und nicht etwa „glücklich“ –
als hätte ich’s schon drangegeben, dieses Gefühl im Alltäglichen zu suchen…

Da klingt bereits an, dass wir die Frage nach dem,
was wir sind in der Welt
nur selten mit dem beantworten können,
was wir tagtäglich tun.

Doch warum eigentlich?
Wenn ich mich selbst zu kenne glaube,
warum sollte ich dann etwas tun, was mir fremd ist?

Die gerne gegebene Antwort lautet: „Sachzwänge“.

Doch wer hat diese aufgestellt?
Die Sachen selbst sind es wohl eher selten, die einen Zwang ausüben.

Menschen (und nur sie) stellen Regeln auf und wir unterwerfen uns diesen, um in ein Bild zu passen:

Gearbeitet wird morgens, je früher je besser.
Wer Überstunden macht ist besonders tüchtig.
Wer krank zur Arbeit kommt auch.
Man hat immer zu viel zu tun und nie zu wenig.
Übers Gehalt spricht man nicht, es sei denn man ist im Betriebsrat.
Je jünger man ist, umso weniger eigene Persönlichkeit steht einem zu für sich in Anspruch zu nehmen
et cetera pp…

Das alles ist so absurd,
dümmlich und falsch,
das man sich fragen darf,
wie IRGENDWER bereit sein kann, das als gegeben hinzunehmen!

Dennoch tun es fast alle,
selbst ich tue es und verachte mich manchen Tag dafür.

Ich muss da raus, denke ich,
während ich hier sitze mit einer der wenigen legitimen Begründungen dafür,
nicht ins Büro zu müssen.

Morgen bleiben mir ein halber Tag und das Wochenende
und dann wird erwartet, dass alles
– soll heißen: ich –
wieder normal ist,
funktionsfähig,
in der Rolle.

Erwarte ich das nicht selbst von mir?
Wohl schon.
Ist es da nicht lächerlich von Glück und der Schönheit der Dinge zu sprechen
und die Anpassung an die Normen des Alltags, die „Sachzwänge“, zu verhöhnen?

Ist es nicht weit lächerlicher,
diesen Normen entsprechen zu wollen,
obwohl sie einen so weit wegführen von allem was sich richtig anfühlt?

Die Krankheit, die mich hierher gezwungen hat (und in gewisser Weise auch zu jenem ungeliebten Job)
hätte mich töten können.
Das ich lebe,
leben will und werde
ist eine Aufforderung.

Eine Aufforderung,
das Leben wahrzunehmen.

Da zu sein in jedem Moment.

Kein Schatten.

Ein Körper. Berührbar und berührend.

Eine Stimme. Hörbar.

Sichtbar.

Wahrhaftig.

Eins dieser alten, großen Wörter, die immer viel zu groß scheinen heute und sogleich der Lachhaftigkeit verdächtig.
Ich kann nicht lachhaftes finden in diesem Wort.

Wahrhaftig sein.
Das möchte ich.

Ich halte es für ein schönes Ziel.

Ich weiß, dass ich es nicht finden werde in dem, was ich derzeit tue oder in irgendetwas ähnlich gelagertem.
Ich weiß, dass ich es wahrscheinlich in nichts finden werde,
was ich tun kann, um in einer Ameisengesellschaft Platz zu finden.

Ich werde suchen müssen.
Auch eine Art selbstgestellter „Sachzwang“,
weil ich nicht zufrieden sein kann mit dem Mittelmaß.
Doch im Mittelmaß zeigt sich niemals das, was wir als „Leben“ empfinden.
Selbst wenn man ein ganzes Leben darin verbringen kann.

Ich weiß, wie es sich anfühlt ganz und gar da zu sein.

Ich will nicht ohne dieses Gefühl durch die Tage gehen.

An keinen Ort.

Eine Aufforderung.

Von mir an mich.

 

notiert, 12.04.2013

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s