Jetzt

Es gibt Tage, die suchen sich keinen Raum in der Zeit.
Sie gehen einfach vorüber.
Ereignis- und scheinbar bedeutungslos.

Vielleicht, weil sie zu früh beginnen mussten
oder zu spät erst in die Gänge kamen.

Vielleicht, weil der Himmel trüb ist
und die Schwalben tief fliegen.

Vielleicht, weil alles, was an sinnvollen Tätigkeiten wartet
dabei jedweden Vergnügens an sich selbst entbehrt?

Vielleicht auch, weil die Angst mal wieder vorbeigeschaut
und mich kurzzeitig gelähmt hat mit ihrer gemeinen Frage:
Wenn wir leben auf das hin, was zukünftig erst geschehen soll,
was, wenn da nun gar nicht mehr viel ist?

Eine Frage, die niemand beantworten will,
aufgeworfen durch die ultimative Bedrohung,
die wir alle so gerne vergessen.

Es kann geschehen, dass sie vorbeikommt,
mittendrin,
während wir denken, das wir leben.
Ein Schatten, schwer und dunkel,
der uns streift und zu Eis erstarren lässt.

Wenn er dann aber weitergeht, der Schatten,
verschwimmt, verweht und alle sich fragen: War da was? –
Dann ist es an uns allein, etwas zu finden in uns,
was das Eis zum Schmelzen bringt.
Denn sonst legt sich die Kälte um unsere Gedanken,
unsere Sinne, unseren Willen
und tötet inmitten des Lebens.

Die Angst ist diese Kälte, ist die Botin der Schatten.

Ihr keinen Raum zu geben, in dem sie verweilen kann,
gilt es zu lernen.
Umso mehr, wenn man einmal gestreift wurde
und die Kälte gespürt hat.

Es liegt jedoch etwas zutiefst Gutes in diesem Wissen um die Angst,
die kommen kann und auch kommt:
Der Raum, den sie einnehmen möchte,
muss angefüllt sein mit Anderem.
Mit Lebendigem, Hellem.
Mit der Schönheit jedes Augenblicks.

Denn das was jetzt ist, bestimmt den Lauf der Zeit.

Wenn Jetzt schön ist,
wird daraus die Erinnerung an Schönheit in der Zeit zurück bleiben,
wird sich über die Angst legen und ihr keinen Raum lassen.
Und der Blick nach vorne wird ohne Schwere sein.

Es sagt sich freilich leichter, als es geschieht.

In jedem Moment nach seiner eigenen Schönheit zu suchen
und sich diese vor Augen zu führen,
kann anstrengend sein.

Manchmal gibt es einem das Gefühl, es sei viel passiert an einem Tag.
Auf Nachfrage jedoch:
Nichts Besonderes!

Man könnte glauben,
ich versänke im Nichtstun, seit Monaten.
Doch ich empfinde es keineswegs so.
Ich suche mir das Leben neu zusammen.
Aus vielen winzigen Teilen.
Manche davon fallen mir vielleicht erstmals auf.
Andere, früher mit Bedeutung versehen, erscheinen mir nun banalisiert,
wenn ihnen das zu fehlen scheint, was so wichtig ist,
um Anrecht zu erwerben auf einen Raum in der Zeit:
Schönheit.

Ein von außen verliehener Sinn,
für den ich keine greifbare eigene Bestätigung finden kann;
eine Notwendigkeit
(wie vielen ist schon einmal aufgefallen,
dass das Wort Not darin steckt?)
kann Schönheit niemals ersetzen.

Ich möchte doch nicht sein, weil es nötig ist.
Was wäre das für eine Vorstellung von Leben?

Sätze, die mit „Das ist halt so“, „Das macht man eben so“
oder einer vergleichbaren Formulierung anfangen,
haben mich schon seit jeher zumindest irritiert.
Heute erscheinen sie mir verlogen, feige,
ein Verrat gleichsam an dem, was Leben eigentlich bedeutet.
Eine Rechtfertigung
für das Da-Sein als bloße Existenz, die keine Fragen stellt,
nichts wahrnimmt und nichts mitnimmt aus den Räumen,
durch die sie sich bewegt.

Keine Erinnerung.
Eine mit Notwendigkeiten angefüllte Aneinanderreihung leerer Tage.

Man kann der Notwendigkeit künstliche Bedeutung verleihen,
indem man sie vom Augenblick abkoppelt und sie zur Voraussetzung erklärt für irgendetwas Zukünftiges:
„Wenn du rechtzeitig genug von…dann…!“
Das Versprechen zukünftiger Erfüllung adelt die gegenwärtige Leere,
vielleicht gar das gegenwärtige Leiden.
Das Paradies nach dem Tode.
Die Menschen erschaffen sich immer wieder Religionen.
Und so ersetzt die permanente Arbeit am Lebenslauf den sonntäglichen Kirchgang…

Polemisch? Ja, manchmal gerne.

Als ob ich mir das leisten könnte, wäre der nächste Einwurf.

Und meine Antwort darauf:
Ich leiste es mir.

Man kann das durchaus Trotz nennen.
Doch wer hat dieses Wort eigentlich so negativ aufgeladen?

Hat nicht alles, was Menschen in der Welt hinterlassen,
alle geschaffene Schönheit,
Musik, ein Gemälde, ein Bauwerk,
die eigenen Kinder, eine Firma, ein Gedanke,
den wir meinen, der Menschheit mitteilen zu müssen,
etwas trotziges vor dem Anblick der Zeit?

Die Fülle der Augenblicke, die waren,
formen in der Erinnerung unser Bild von der Welt.
Dieses Bild, das wir sehen, ist immer ein erinnertes;
ein Abdruck der letzten Vergangenheiten.

Das was jetzt ist, formt das was sein wird.

So bleibt das Versprechen des Künftigen ein leeres,
wenn die Augenblicke auf dem Weg dahin keine Spuren hinterlassen dürfen
und wir hindurchrennen, ohne sie richtig wahrzunehmen.
Wer rennt, darf nicht nach den Seiten gucken;
sonst wird er automatisch langsamer.
Wir rennen, wenn wir fliehen.
Das Gegenstück zum künftigen Versprechen ist die künftige Bedrohung:
„Wenn du nicht rechtzeitig genug von…dann…!“
Aus Angst vor etwas, das irgendwann vielleicht sein könnte,
vorbeirennen, vorbeifliehen
an dem was gerade ist.

Und wieder ein Augenblick, der nichts zur Erinnerung beiträgt.
Wieder ein leerer Moment,
der Raum schafft für die Angst.

Die Angst zu versäumen,
die Angst zu verlieren,
die Angst vor dem Stillstand,
die Angst vor dem Tod, dem kein Leben voranging.

Je mehr wir dem Augenblick seine Bedeutung versagen,
umso diffuser das, was uns bleibt,
um den Raum anzufüllen, der da ist.
Umso weniger (be)greifbar,
ja lebbar im eigentlichen Sinne das Leben.

„Gegen die Diktatur des Zukünftigen,
der fernen Versprechen,
des Vielleicht-Einmal!“
möchte ich rufen.

Wider die Notwendigkeit!

Für das Jetzt,
das Seiende,
das ich sehen und berühren und schmecken kann!

Wenn ich nur diesen einen Moment hätte
und ich habe ihn gespürt, dann war er da.

Dann war ich da.

Ich sehe Wolkengebirge
vor hellem Blau in mindestens drei Schattierungen.
Ich sehe hundert Jahre alte Hausfassaden
vor meinem Fenster.
Ich höre den Tag.
Die Orchideen auf der Fensterbank tragen Knospen.

Der Computer läuft im Hintergrund.
Kein Widerspruch zu dem Geschriebenen.
Ich bin ja jetzt.
Ich leugne es nicht.

Die Sonne zeigt sich, spät entschlossen,
nachmittags um fünf.

Wenn dieser Augenblick vorüber ist,
sind alle Dinge auf Anfang.
Jederzeit.

 

notiert, 12.06.2012

Ein Kommentar zu “Jetzt

  1. Danke für den Link, Gedanken, die meine streifen – ich versuche das gelegentlich, nur für den Moment zu leben, den Sinn darin zu sehen, aber es kommt mir nicht immer ehrlich vor, mich mit dieser kleinen alltäglichen Schönheit zufrieden zu geben, weil es dann irgendwie doch nicht gänzlich erfüllend ist und ich den Sinn nicht immer finde.
    „viel erlebt, aber nichts besonderes getan“ kenn ich.

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