Orte

Wir suchen immer nach einem Ort, der zu uns gehört.
Hinter jedem Licht in einem Fenster am Abend
ist solch ein Ort für irgendjemanden.
Vielleicht gehört das Geräusch der Straße dazu,
vielleicht das des Windes in einem Baum,
vielleicht die Stimmen anderer Menschen,
vielleicht auch nur ein Dielenknarren.
Auf eine spezifische Art und Weise zu hören, immer wieder,
werden die Klänge selbst zu einem Ort.

Wir durchqueren Orte im Vorübergehen, im Fahren, im Fliegen.
Wir machen sie kurz.
Zwar sind sie da, erkennbar, vollständig in einem Augenblick
aber wir sind nicht in ihnen.
Wer sagt uns, dass diese Orte sich nicht auflösen hinter uns,
wenn wir einen Moment weiter sind und der Augenblick vorbei?

Wir finden uns Orte in der Zeit und nennen sie Erinnerung,
weil wir ihre Laute, ihren Geruch und Geschmack,
meinen greifen zu können,
obwohl der eine Augenblick, in dem sie existiert haben,
lange vorbei ist.
Wir schreiten diese Orte ab und verändern das Interieur, unwissend.
Wir verbinden diese Orte mit der Zukunft und nennen es Ahnung.
Wir lassen die Laute, den Geruch und Geschmack
abblassen und nennen es Vergessen.

In unseren Nächten, im Traum, gehen wir zu den Orten, die nie waren,
wo all jene leben, denen wir nie begegnet sind
und die Vertrauten andere Erinnerungen haben.
Wir verweilen, weil es keine Zeit gibt
und diese Orte sind, solange wir sie denken.

Wir denken uns Orte hinter den Sternen,
in den Wolken und unter den Wellen –
und wenn wir dort waren und vergeblich danach gesucht haben,
sehen wir sie dennoch weiter vor uns.

Wir sehen Orte in Landkarten, in Büchern und Filmen
und Augenblicken aus den Erfahrungen anderer.
Wir sehen sie und sehnen uns nach diesen Orten,
so als gäbe es etwas, das uns verbindet mit dem Unbekannten,
das uns so nah erscheint, weil andere es gesehen haben.

Wir verlassen gelegentlich Orte und hoffen,
dass sie verschwinden hinter uns, als ob es sie nie gegeben hätte
und alle Erinnerungen, die ihnen anhängen, ins Vergessen übergehen.
Wir verlassen gelegentlich Orte und hoffen,
dass sie stehen bleiben in der Zeit, ohne Veränderung,
damit wir sie hervorholen können nach Jahren
und sie an unserer Erinnerung spiegeln.

Wir selbst sind Orte.
Wir gehören an und breiten uns aus.
Wir werden durchquert, verkürzt, erinnert und vergessen.
Wir werden erträumt und erdacht, gesucht und verlassen.
Wir sind nah und fern für andere
und suchen doch immerzu nach einem Platz,
um unsere Welt daran befestigen zu können.
Einem anderen Ort.

 

notiert, 23.04.2014

2 Kommentare zu “Orte

  1. bmh sagt:

    Ein interessanter Eintrag.
    Dieses Suchen nach einem anderen Ort. Ich kenne das.
    und
    … Wer sagt uns, dass diese Orte sich nicht auflösen hinter uns,
    wenn wir einen Moment weiter sind und der Augenblick vorbei? …

  2. Sofasurfer sagt:

    Mal wieder reingeschaut – und erfreut gesehen, welch schöne Texte hier neu hinzugekommen sind. So wie die „Orte“ – tief und leicht zugleich.
    Bis demnächst, Gruß SFS

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