Hinaustreten

Es ist irgendwo zwischen kalt und warm
an einem gewöhnlichen Dienstag.
Es riecht nach Gras und Flieder und nach Dingen, die beginnen.
Ich bin unterwegs, draußen. Weil ich es kann.
Alles ist einigermaßen grün und in Bewegung.

Ich habe noch einen Auftrag auf dem Schreibtisch liegen
und ich werde mich daransetzen, nachher.
Das fühlt sich gut an.

Die weltberühmten kleinen Dinge.

Ich sehe sie überall, während ich durch die Straßen laufe.
Ich bin hier zu Hause.
Wissen die Straßen das?

Das Mädchen hinter dem Fenster dort im Erdgeschoss,
neugierig den Weg betrachtend, fühlt sich beobachtet.
Blitzschnell verschwindet sie unter der Fensterbank, als ich vorbeigehe.
Ich drehe mich um. Sie schaut wieder her und grinst; ich auch
und für einen Moment treffen sich unsere Blicke.

Wir begegnen ständig anderen Menschen.
Den meisten von ihnen nicht öfter als einmal
und nicht länger als für ein paar Sekunden in unserem Leben.
In der U-Bahn, beim Überqueren einer Straße,
hinter den Fenstern eines fremden Hauses.
Aus uns selbst hinaus und ganz kurz
in die Wahrnehmung eines Anderen hinein.
Es ist seltsam, wenn man darüber nachdenkt…

Was muss ich tun, damit die Begegnung
über diesen kurzen Moment hinausgeht?
Damit etwas hängenbleibt zwischen mir und dem Anderen;
damit ich im Gedächtnis bleibe?

Als tendenziell hilfreich erweisen dürfte es sich,
wenn dieser kurze Moment der Begegnung überhaupt stattfindet.
Hinaustreten und sichtbar sein.

Das ist schon mal was.

Ich kann nicht sagen, dass mir das grundsätzlich leicht fällt.
Eher im Gegenteil.
Hinaustreten, ganz direkt und ohne vorherige Aufforderung,
ist etwas, das ich gerade erst zu lernen versuche.

Es ist eine meiner großen Widersprüchlichkeiten,
denn ich bin ein sehr sichtbarer Mensch.

Man könnte sagen, dass ich gerne auffalle,
mich damit aber auf keinen Fall aufdrängen möchte,
weshalb ich es meist vorgezogen habe, gefunden zu werden.

Ein bisschen wie jene leuchtend bunten Urwaldbewohner,
die, verborgen hinter bestimmten Bäumen und Blumen,
trotz ihrer Farbenpracht schier unsichtbar werden.
Was mich allerdings von den Urwaldbewohnern unterscheidet, ist,
dass ich meine Schutztarnung nur zu gerne aufheben möchte…

Ich habe es satt, nicht gesehen zu werden.

Aber das Hinaustreten aus dem Verborgenen,
in dem einem nichts geschehen kann
– freilich auch nichts, was einen voranbringt –
ist mit Unsicherheit verbunden und mit einer sehr alten Angst
vor Ablehnung und Scheitern.

Eine Wand, tapeziert mit den leeren Gesichtern all derer, die einfach nur „Nein“ sagen.
„Nein“ zu etwas, was ich kann.
„Nein“ zu etwas, was ich bin.
Und ich meine nicht das objektive:
„Nein. Das ist nicht das, was ich wollte“
oder das konstruktive:
„Nein, nicht ganz. Das kann man verbessern.“
Ich meine das:
„Nein. Das will ich nicht, weil ich es nicht kenne.“

Abgelehnt werden als die, die dazukommt.
Die Neue. Die Fremde, die nicht ins Bild passt.
Die in eine Nische hineindrängt,
die doch auch schon längst besetzt wurde…

Da taucht sie vor mir auf, an der Ecke. Meine alte Schule.
Ein schönes Gebäude. Das, was man „ehrwürdig“ nennt
und gerade frisch renoviert.
Der Schultag ist vorbei. In diesem Moment.
Sie laufen in Scharen die Eingangstreppe hinunter,
einige eilig, die meisten in Gruppen.

Ich gehe an ihnen vorbei. Sie sehen mich kurz an,
mit den typischen Gesichtsausdrücken von Teenagern,
die alles und jeden skeptisch betrachten.
Eine Mixtur aus Unsicherheit, Neugier und gespielter Verächtlichkeit.
Bei dem ein oder anderen mag auch echte Langeweile dabei sein.

Ich bin so weit weg von ihnen,
denke ich, während ich das kleine Grüppchen überhole
und Richtung Kanalufer abbiege.

So weit weg und manchmal scheine ich es zu vergessen.

Es wird noch immer gerudert auf dem Isebekkanal.
Der Sportkurs der Oberstufe.

Es ist alles so schön grün heute.

„Gelassen durch den Schulalltag“
empfiehlt die weggeworfene Visitenkarte
eines freundlich lächelnden Coachingexperten auf dem Sandweg.

Immer diese merkwürdigen kleinen Details.

Man sieht in diesem Viertel viele junge Frauen mit Kinderwagen.
Das fiel mir schon oft auf.
Die meisten von ihnen machen einen leicht angespannten Eindruck.
Es gibt hier viele schöne Häuser und jede Menge Gentrifizierung.

Aber ich bin hier zu Hause.
Ich weiß es, während ich bleibe
und davon ausgehe, dass ich etwas beizutragen habe.

Wahrscheinlich kein Ruderboot und auch keinen Kinderwagen,
aber etwas anderes eigenes,
was die Menschen in dieser Stadt und anderswo interessieren könnte.
Oder besser noch: was sie berühren könnte
und hängenbleiben in ihrem Gedächtnis.

Ich trete hinaus und weiß eigentlich erstaunlich genau, wohin ich will.
Es scheint so vieles möglich.
Und doch ist so vieles in der Schwebe
und abenteuerlich fern zu erreichen.

Die Zukunft, weitergedacht.
Mein Leben als Science-Fiction.
Aber das hier ist nicht Gravity in 3D.
Ich hänge nicht im luftleeren Raum.

Wann immer ich irgendwo hinaustrete, trete ich auch in etwas ein.

2 Kommentare zu “Hinaustreten

  1. bmh sagt:

    Wann immer ich irgendwo hinaustrete, trete ich auch in etwas ein
    Wie spannend! Ständig betrittst Du Neuland.

  2. Deliah Rill sagt:

    …und im Augenblick überwiegt tatsächlich die Neugier auf die Möglichkeiten die Unsicherheit vor dem, was kommen könnte 🙂

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