Möglichkeiten

Wir sind umgeben von Möglichkeiten.
Immerzu und auch dann, wenn wir denken,
es gäbe nichts zu entscheiden, weil alles bereits bestimmt sei.
Die Bestimmung geschieht mit jedem Schritt, den wir tun,
mit jedem Satz, den wir sagen oder schreiben
und sie geschieht immer vorübergehend.
Jedem Schritt und jedem Satz geht die Möglichkeit voraus,
etwas so oder vollkommen anders zu tun.
Und mit jeder Entscheidung legen wir
in einem Augenblick ein Stückweit Zukunft fest.

Mit jeder Entscheidung schließen wir Türen
– mal laut, mal ganz leise – und öffnen andere.
Und oft, sehr oft sogar, wissen wir dabei gar nicht, dass wir dies tun.

Was wir unser Leben nennen,
entsteht aus der Folge all dieser Möglichkeiten,
der wahrgenommenen und der nicht wahrgenommenen
und unserer Entscheidungen dazu.
„Geschick“ und „Schicksal“
oder – moderner – die „Sachzwänge“
bringen wir immer dann ins Spiel, wenn wir glauben
(oder glauben wollen?),
im Augenblick der Entscheidung keinen freien Willen gehabt zu haben.

Wir sagen gern: „Wir können nicht anders“
und wissen doch zumeist, dass wir lügen, indem wir dies sagen.

Denn wir haben Angst vor dem freien Willen und seinen Möglichkeiten.
Wenn sich eine Tür hinter uns schließt,
haben wir Angst vor dem Verlust des Vertrauten und
vor dem möglichen Verzicht auf eine versprochene Sicherheit.
Andere sollen verantwortlich sein, dass die Tür sich geschlossen hat.
Nicht wir selbst.
Nicht unsere Entscheidung.
Wir haben auch Angst vor den Türen, die sich öffnen,
wenn wir einmal etwas völlig anderes tun
als das Empfohlene, den Regeln gemäße.
Wir haben die Regeln nicht aufgestellt.
Wir haben sie aber übernommen,
um nicht in jedem Augenblick jede Entscheidung frei treffen zu müssen.
Um die Möglichkeiten einzuschränken, die uns die Welt anbietet
und die ausreichen würden, um weit mehr
als nur eine Welt zu betreiben…

Das Eingeschränktsein der Möglichkeiten
dennoch und immer wieder in Frage zu stellen
aber gehört zu dem, was uns menschlich macht.

Es ist ein kostbarer Schatz, zu wissen, dass es Möglichkeiten gibt.

Wir leben nicht in der besten aller Welten
und ganz gewiss nicht in der einzig möglichen.

Sich dies vor Augen zu führen, kann Türen sichtbar machen,
die zu öffnen eine Möglichkeit der Befreiung bedeutet…
Umgekehrt gedacht:
Wie viele Schwierigkeiten entstehen uns immer wieder
durch eine im Rückblick falsche Entscheidung?
Und welche Schrecken haben wir schon verhindert
dadurch, dass wir eine Tür geschlossen hielten?

Was wäre gewesen, wenn…?

Der Konjunktiv.
Die Beschreibung dessen, was nicht ist, aber hätte sein können.
Begrifflichkeiten und grammatische Regeln für etwas nicht Existentes.

Welches Lebewesen würde sich damit abgeben und zu welchem Zweck?

Vielleicht als Erinnerung daran, dass es Möglichkeiten gab und gibt, jederzeit.
Und dass wir Menschen einen freien Willen haben,
aus diesen Möglichkeiten zu wählen.
Also immer auch die Option, uns dem zu unterwerfen,
was wir „Bestimmung“, „Schicksal“ oder „Sachzwang“ nennen.

Es bleibt das große Paradoxon der Freiheit,
dass sie erlaubt, die Unfreiheit zu wählen.

Der Glaube an die Unfreiheit
entlässt uns aus der quälenden Auseinandersetzung
mit dem „was-wäre-gewesen-wenn?“,
dem auch nachträglichen In-Frage-stellen aller Entscheidungen.
Und er nimmt uns die größte Zahl der reellen Möglichkeiten,
indem er sie unsichtbar werden lässt für unsere Wahrnehmung.

Der freie Wille ist zweifelsohne anstrengend:
Er vervielfacht die Welt.

Was wäre, wenn
alle diese „was-wäre-wenn“-Welten tatsächlich existieren?
Wenn alles, was geschehen kann auch irgendwie geschieht,
ausgelagert vielleicht in eine Vielzahl paralleler Wirklichkeiten?

In diesem alten Science-Fiction Gedankenspiel
zeigt sich die ganze Ambivalenz des freien Willens.

Verlockend der Gedanke
durch eine einzige anders getroffene Entscheidung
in einer Parallelwelt das eigene Leben völlig neu gestalten zu können.
Eine Tür öffnen, die geschlossen blieb,
eine andere eben doch zufallen lassen:
Schon wäre – zufällig – alles anders und, natürlich, besser…

Andererseits: Verstörend der Gedanke, dass eine Entscheidung,
nicht ahnend anders getroffen,
dazu hätte führen können,
dass sich die eigene Lebensspanne erheblich verkürzt
und es somit viele wunderbare Momente unseres vertrauten Lebens
in jener Parallelwelt gar nicht geben könnte…

Wir sagen dann gern: „Das mag ich mir gar nicht ausmalen!“
Und haben schon wieder Angst
vor der Tragweite unserer Entscheidungen;
auch derer, die wir vor langer Zeit getroffen haben.

Es ist uns irgendwie unheimlich,
all das viele, was nicht ist, aber hätte sein können, wenn…

Es liegt im Wesen der Möglichkeit,
dass sie eben „möglich“ ist, aber nicht „da“.
Erst durch die Entscheidung tritt sie entweder ins Dasein
oder wird zum spekulativen Gedanken,
abgelegt bestenfalls in unserer Erinnerung
oder vielleicht in einem Paralleluniversum,
dessen Zugang uns verborgen bleibt.

Wir erfahren nicht,
was aus den ungenutzten Möglichkeiten geworden wäre.
Manche tauchen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt
durchaus noch einmal auf.
Aber dann werden unsere bis dahin getroffenen Entscheidungen
sie bereits verändert haben.

Wir sind umgeben von Möglichkeiten.

In jedem Moment unseres Lebens
haben wir so viel mehr Leben hinter uns
als jenes eine, das wir meinen gelebt zu haben.

Und ebenso viele, mindestens, vor uns.

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Ein Kommentar zu “Möglichkeiten

  1. Gabryon sagt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Immer wieder gibt es neue Chancen…

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