Samstagmittag. Denkpause.

Hinter der Jalousie bleibt der Tag hörbar,
bleibt die Stadt (meine Stadt!) in Bewegung.
Der Himmel, das Licht und die Hitze aber sind ausgesperrt;
der Raum unverändert, ruhig, im Halbdunkel,
ein Rest von Nachtkühle darin eingeschlossen, hinübergerettet
wenigstens bis in den frühen Nachmittag.
Dann war die Sonne lange genug an den Fensterscheiben zugange, trotz Jalousie.

Da draußen ist Sommer.
Es ist sogar Samstag und Ferienzeit dazu (na und?).
Angeblich wollen alle hinaus und – ja – manchmal will ich das auch.
Aber heute, hier hinter der Jalousie, welche die Stadt unsichtbar macht,
bleibe ich drinnen.
Um es kurz und klar zu formulieren: Mir ist zu heiß.
Und dieser Hitze, die,
von kleinen, gnädigen Unterbrechungen abgesehen,
seit Wochen anhält, unterstelle ich, daran schuld zu sein,
dass ich so wenig geschrieben habe in letzter Zeit.

Dabei geht es mir ausnahmslos besser, wenn ich schreibe.
Nirgendwann sonst bin ich in einem derart umfänglichen Maße bei mir
(mit einer Ausnahme, auf die ich jetzt gerade nicht eingehen werde…).
Nur so viel: Beides ist in den letzten Wochen zu kurz gekommen.
Die Hitze ist dafür sicherlich nur eine weitere willkommene Ausrede,
denn – ich schaffe ja Dinge.
Eben all jene, die geschafft werden müssen.

Dabei fällt mir auf,
dass der Kerzenleuchter auf dem Couchtisch
nach einer Silberpolitur schreit
und, nein, ich habe auch keine Lust abzuwaschen.
Ich meine andere Dinge.
Arbeiten. Aufträge. Dinge mit Schreibtisch und Tastatur.
Online, on Time und noch einmal Rücksprache
mit der Projektmanagerin der Agentur.
Dinge, die neuerdings Geld einbringen.
Nicht überwältigend viel, aber doch mehr
als ich für wahrscheinlich erklärt hätte, als ich noch dachte,
ich möchte nicht auch noch dazugehören zum Prekariat der Freelancer
und gleichzeitig alle beneidet habe,
die von sich wenigstens sagen konnten,
sie machten „irgendwas mit Medien“.
Damals habe ich übrigens weit weniger geschrieben als heute.
Sogar im Winter.

Schaffst du das übers Wochenende? Ja, klar!
Wochenenden werden überbewertet.
Jedenfalls dann, wenn an einem gewöhnlichen Montag
Zeit zum Leben übrigbleiben kann.
Es gibt tatsächlich nicht wenige Orte,
die an Montagen weitaus schöner sein können als an Samstagen.
Nur haben sehr viele keine Chance, das je zu erfahren…

In dem Call Center, in dem ich vor mehr als zehn Jahren,
während meiner Studienzeit, gejobbt hatte,
gab es Bonuszahlungen für freiwillige Sonntagsarbeit.
Eine Perversion,
der ich mich damals, als aufrechte Antikapitalistin
(in der Marktforschung!)
selbstverständlich strikt verweigerte.

Das Leben ist schon komisch.

Heutzutage
sind die Bonuszahlungen im Call Center weitgehend abgeschafft
und die freiwilligen Sonntage stehen
als verpflichtende Zusatzvereinbarung im Arbeitsvertrag.

Es gibt tatsächlich vieles, zu dem ich nicht zurück will.

Ich schaffe Dinge.
Gelegentlich sogar in dem wundervollen doppelten Sinne dieses Satzes.
Die Punkte auf meiner Tu-das-und-mach-was-aus-deinem-Leben-Liste
haben ein paar Häkchen bekommen in jüngster Zeit.
Das ist zweifelsohne ein gutes und v.a. ein lange vermisstes Gefühl.
Dass immer neue Listenpunkte auftauchen,
der Stift in meinem Kopf unerbittlich weiter schreibt – geschenkt!
Solange es sich so befreiend anfühlt, etwas zu tun zu haben.

Selbstverständlich habe ich weiterhin Angst.
Die Angst, zu verlieren, was ich gerade gefunden habe.
Die Angst, etwas aufs Spiel zu setzen,
nachdem ich auch einmal sehr lange gesucht habe.
Die Angst, das, was ich meine zu haben, könnte nicht echt sein.
Die Angst vor dem zurückgewiesen werden.
Durch andere. Durch ein anonymes „System“. Durch das Leben selbst.
Die alte Angst.
Sie kommt manchmal in Wellen,
wirft sich über mich, drückt mir die Luft ab
und hindert mich am Schreiben und an allem anderen auch.
Ein Spuk, der vorbeigeht; ein paar Stunden vielleicht,
ein Tag schlimmstenfalls.
Dann ist die Welle weg,
das Meer ruhig und die Wolken hoch oben
sind nur wenige und ein schöner Anblick.

Es ist immer noch Luxus mittags um halb zwei
in einem Art-Deco-Sessel zu sitzen,
während die Jalousie die Hitze aussperrt
und über solche Dinge zu schreiben.
Wirklich, ich bin mir dessen bewusst!

Zwei Streifen Licht fallen durch die Lamellen,
brechen sich am Fernsehbildschirm und durchschneiden den Raum,
diffus, vertikal von einem Ende des Wohnzimmers zum anderen.
Im Flur läuft der Ventilator, unerlässlich dieser Tage.
Wäsche waschen müsste ich übrigens auch.
Vielleicht gehe ich stattdessen raus
und kaufe mir neue Kugelschreiber und eine Flasche Mineralwasser.

Ein Rettungshubschrauber auf dem Weg ins UKE.
Rotorenlärm über dem Dach.
Stimmen an der Straße.
Ein Kofferraum wird geöffnet. Autotüren schlagen zu.
Menschen fahren in Urlaub. Vielleicht.
Ich arbeite. Ganz bestimmt.
Aber jetzt mal gerade nicht.
Weil ich frei bin.
Was sich alles andere als prekär anfühlt.
Jedenfalls heute und hier,
hinter der Jalousie mit dem Wissen um den Tag
und die Stadt da draußen.
Meine Stadt.
Trotz allem. Immer wieder.

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