HerbstZeit zum Nachdenken

Blau, Gold und braungesprenkeltes Grün sind die Farben dieses Tages.
Man sieht keine Blumen mehr und dennoch erstaunlich viele Menschen.
Im Japanischen Garten: Ein Wasserlauf aus Stein.
Ich kann das Wasser noch riechen.
Ein paar Tage íst es wohl allenfalls her,
dass die Gärtner es ausgelassen haben.
Ein Park ist ein eigentümlicher Ort, wenn es fast schon November ist.

Aber der Tag ist licht und schön,
mit dem Job in der Agentur bin ich für heute fertig
und wenn mir kalt ist, kann ich ins Tropenhaus gehen…

Die Suche nach einer Bank in der Sonne gestaltet sich schwierig.
Trotz Dienstag und der Tageszeit.
Im Rosengarten (hier blüht dann doch noch einiges;
der Winter scheint ferner als gedacht…) werde ich schließlich fündig.

Ganz langsam und mit großer Selbstverständlichkeit
bewegt sich das Jahr hier auf sein Ende zu.
So anders als außerhalb dieses Gartens,
in den Straßen und Bahnen der Stadt und in meinem Leben.

Dort scheint alles zu rennen.
So viel Veränderung in so kurzer Zeit
und schon wieder weg was gerade noch dagewesen
und anderes viel zu lange in der Warteschleife…

Es ist ein schnelles Jahr.
Hatte ich nicht eben erst zum ersten Mal die Idee gehabt?
Die zündende, mit der alles anders werden sollte?
Die Idee hat gezündet, kein Zweifel.
Und alles, was infolgedessen passiert ist –
auch wenn es, bei Lichte betrachtet,
doch nur ganz allmählich vor sich ging –
scheint mir in rasender Geschwindigkeit vorbei gezogen.

Verändert mich all das? Mit Scherheit.
Wohin? Ich weiß es noch nicht.
Ich weiß es erst, wenn ich irgendwann merke,
dass ich angekommen bin.
Manches Mal bin ich es.
Schon jetzt.

Die Tatsache, dass ich, nach all den Jahren der Kämpfe
(mit den Zeitläuften, den Formen und Erwartungen,
dem eigenen Körper, aber v.a.: der Norm)
nun endlich dabei bin, das zum Beruf zu machen,
was mir immer am meisten entsprochen hat,
gibt mr ein gutes, starkes Gefühl.
Lässt die Angst vor dem Scheitern,
die immer da ist (und wohl auch dazugehört)
in den Hintergrund treten.

Es ist etwas Beruhigendes dabei, all diese Pflanzen zu betrachten,
wie sie dem Winter entgegengehen,
jeden Sonnenstrahl, jeden Hauch von Wärme und Leben
bis zum letzten Moment auskostend.

Das schafft kein Mensch, so viel aus seinem Leben herauszuholen.
Menschen wissen zu viel über Vergangenheit und Zukunft.
Oder glauben, davon zu wissen…

Die Insekten, die hier vereinzelt noch umherschwirren,
werden nächstes Jahr nícht mehr da sein.
Andere, die ihnen gleichen, werden folgen.
Die Bäume und Sträucher hingegen werden erneut ausschlagen,
die Blumen wieder blühen –
nicht identisch mit aber gleich denen in diesem Jahr.
So wird es kommen.
Denn alles andere ist unwahrscheinlich.

Und wo bin ich im nächsten Jahr?
Ich weiß es nicht.
Auch dann nicht, wenn ich einen Plan aufstelle.
Es ist nicht so einfach, ein Menschenleben zu planen.
Ich wage zu sagen: Es ist nicht möglich.
Ich will es auch nicht. Nicht so. Gehetzt und genormt.
Ich will stattdessen –
allmählich und mit der Selbstverständlichkeit der Pflanzen –
in jene Richtung weiter gehen, in der es sich richtig anfühlt.

Alles andere, das ahne ich, finde ich auf dem Weg.
Wenn ich nicht zu lange stehenbleibe und mich nicht umdrehe,
um aus Angst vor dem Niemals-Ankommen
in eine andere Richtung davonzulaufen.
Was ich nicht vorhabe.

Nein, planbar erscheint mir das alles nicht.
Die Dinge, die geschehen, sind oft so anders als das geplante.
Dennoch habe ich Ziele.
Kurzfristige. Mittelfristige. Dauerhafte wie dieses:
Ich möchte das Lebendigsein im Leben nicht aus den Augen verlieren.
Was so einfach klingt, passiert nur allzu leicht.
Gerade wenn große Pläne für übermorgen im Spiel sind…

Wir haben die Zeit nicht erfunden,
aber wir haben ihr das Laufen beigebracht.
Zeit rast niemals und steht auch nicht still.
Es sind die Menschen in der Zeit, die ihr eine Geschwindigkeit geben.

Die Sonne steht tief,
wird bald schon hinter den Bäumen verschwunden sein.
Es wird zu kalt zum Sitzen, auch auf dieser Bank.
Vielleicht gehe ich doch noch ins Tropenhaus.
Ich habe ja Zeit.

notiert, 28.Oktober 2014

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Ein Kommentar zu “HerbstZeit zum Nachdenken

  1. zeffiretta sagt:

    Lese deine Gedanken gerne.

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