Im Raum

Ich stehe in der Mitte des Raumes. Es ist laut und rot und nach elf.
Ich stehe allein, aber es macht mir nichts aus. Alle reden gleichzeitig und ich kenne nur die Gastgeber.
Ich stehe alleine in der Mitte des Raumes, niemand tanzt, noch nicht und es ist gut so.
Jetzt gerade, so wie es ist, nach allem was war.
Es ist das Beste was ich tun konnte, heute Abend, hierher zu kommen.

Die Veranstalter sind gute Kunden von mir,
deshalb haben sie mich eingeladen und deshalb bin ich hier.
Kundenbindung und Netzwerken und so…
Es ist angemessen überfüllt; die Veranstaltung ein voller Erfolg.
Das Publikum ist hip und das meine ich nicht böse;
jedenfalls bestimmt nicht heute Abend.
Ich mag die Leute, die hier um mich herum stehen.
Vor allem mag ich meine Kunden.
Es sind sympathische Menschen mit vielen tollen Ideen. Kreative.
Und all die anderen hier sehen aus, als wären sie es auch.

Ja, es war richtig, heute Abend her zu kommen.

Auch wenn ich vielleicht mit keinem wirklich reden werde.
Nur so ein paar Worte hier und da.
„Wie fand’s du’s?“ und „Alles gut bei dir?“
(Faszinierend!
Die Spracherkennung bietet mir diesen Satz an, komplett,
nachdem ich die ersten beiden Worte
mit meinem Smartphone eingetippt habe.
Wie vorhersehbar doch die Kommunikation
geworden ist in unserer Zeit…)

Ist alles gut? Vielleicht. Vielleicht könnte es besser sein. Aber es geht.
Immerhin: Ich sitze hier und schreibe!
Die Veranstaltung war inspirierend.
Also ist alles gut bei mir. Ich mache das, was ich am besten kann.

Es ist immer noch rot. Alle reden.
Die Musik ist lauter geworden. Einige gehen (nach elf, nicht vergessen!)
Es ist gerade noch Donnerstag
und als Zerstreuung funktioniert dieser Abend hervorragend.
Also, doch alles gut bei mir…

„Das sind Geschichten, die mir keiner glaubt…“-
davon hatten die letzten Tage genug.
(Zitat Fehlfarben –
Die alten Texte funktionieren halt manchmal am besten…)
Da hat man etwas in der Hand oder glaubt, man hätte…
Und dann ist es weg, schneller als man es richtig begreifen konnte.
Aber sowas von weg.

Ein spannender Job, Versprechungen, Geld,
eine „Zusammenarbeit mit Zukunft“.
Das schöne Gefühl: Wir wollen Dich! Ausgerechnet Dich!
Was Du kannst, ist uns was wert.
Das, was ich immer suche, was wir alle immer suchen,
die wir bestehen wollen, ohne uns dafür aufzulösen im Raum…
Eigentlich auch irgendwie wieder
von Anfang an zu schön, um wahr zu sein.

Und dann?
Stellt man eine Frage, eine simple und völlig berechtigte Frage,
nur um sicher zu gehen, ob das auch alles stimmt, was sie versprechen
– und weg ist es.
Alles. Auf einmal.
Vielleicht war es eben doch gar nicht da.
War nur Schein, Mimikry, Lockmittel.
Die Kannenpflanze für alle, die solche Fragen nicht stellen…

Muss ich mir jetzt Vorwürfe machen, weil ich Fragen gestellt habe?
Wohl eher nicht.
Um ehrlich zu sein, ich kann erhobenen Hauptes zur Tür hinausgehen
bei diesen Kunden, die dann doch keine wurden
und lieber wieder zu denen gehen, die es ehrlich meinen.
Solchen wie hier, heute Abend.

Und jetzt stehe ich da, mitten im Raum, erhobenen Hauptes.
Und bin unendlich müde, von dem was war.
Eigentlich will ich nur meine Ruhe haben von den letzten Tagen.
Will gar nicht reden, jetzt gerade nicht.
Wenigstens haben alle nette Gesichter.

Vielleicht tanzt doch noch jemand.
Dann könnte ich mittanzen.
Ich werde heute Abend keine Visitenkarten mehr verteilen
und keinen genialen Agenturjob an Land ziehen. Heute Abend nicht.
Tja.
Eigentlich war das mal einer der Gründe, warum ich hergekommen bin.
Das mit dem Netzwerk.
Stattdessen: Stehen. In der Mitte des Raumes.

Sie bauen die Bühne ab und ich bin doch ganz froh,
dass ich heute nicht mit anpacken muss.
Ich kann hier sitzen und Beck’s trinken und schreiben.
Fast wie in einem Wiener Cafèhaus –
nur mit Videoprojektionen an den Wänden und ohne Kaffee.

Wenn ich nachher gehe, werden all die Menschen
mit den netten Gesichtern noch immer nicht wissen, wer ich bin.
Und ich werde nicht wissen, wer sie sind…
Das ist schade, aber kein für alle Zeiten unlösbares Problem…
Weit bedenklicher: Niemand tanzt.
Wahrscheinlich werde ich bald nach Hause gehen müssen.

Die Verabschiedung von den wenigen, die ich hier kenne, ist herzlich.
Und während ich mich verabschiede, hoffe ich,
es merkt keiner, wie müde ich bin, innen drin, eigentlich,
heute Abend…

Die U-Bahn kommt rasch,
das hätte anders laufen können an einem Donnerstagabend.
Es ist eine von den neuen,
bei denen man durch alle Waggons durchlaufen kann
und die ein bisschen aussehen wie in Berlin.
Mit meinem gelegentlichen Hang zu kindlichen Vorstellungen
rede ich mir ein, dass es Glück bringe, eine neue U-Bahn zu erwischen.

Ich muss nicht weit fahren.
Wäre es wärmer draußen
(ausgerechnet heute Abend ist es noch mal richtig kalt geworden)
würde ich vielleicht sogar zu Fuß nach Hause laufen.
Nachts durch die Straßen, durch die Wohnviertel
mit den paar Lichtern hinter den Fenstern –
nichts eignet sich besser, um den Kopf frei zu bekommen.

Frei von den letzten Tagen,
frei von den Dingen, die da waren und gleich wieder weg.
Frei von allem anderem.
Um wieder denken zu können.
Um wieder da sein zu können.

Ich bin nicht ganz da gerade.
Denn ich bin nicht frei.
Die Ereignisse der letzten Zeit,
meine eigenen und auch ein paar andere,
halten mich umklammert.
Wollen „verarbeitet“ werden, bevor sie mir wieder Zeit lassen
für das jetzt
oder gar das morgen.

Und ich ahne, das ist vielleicht zu viel verlangt von mir.
Ich sollte sie abschütteln, die letzte Zeit,
mich befreien von ihr und weiterlaufen.
Durch die Straßen in der Nacht und –
vor allem –
am nächsten Tag…

Ich greife zum Smartphone – meinem Notizblock von vorhin –
und tue etwas geradezu Revolutionäres damit: Ich telefoniere!
Ich hole mir die vertraute Stimme eines Menschen
in meinen Nachhauseweg.
Das virtuelle Gefühl, begleitet zu werden.

Wir hatten zu wenig Nähe in letzter Zeit, Du und ich.
Zu wenig Körperlichkeit und vielleicht
ein bisschen zu viel virtuelles Gefühl…

Trotzdem: Ich liebe es, Deine Stimme zu berühren.
Leg nicht auf, lass uns reden, bleib bei mir,
bis ich in meinem Treppenhaus angekommen bin.

Ich will nicht länger alleine stehen, in der Mitte des Raumes.

Der Raum ist so groß, eine ganze Nacht und viele Tage.
Wir können seine Ecken nicht ausmachen, zur Zeit.
Und wenn wir darüber nachdenken, vorzugsweise im Dunkeln,
liegen wir beide wach.

Gib mir Deine Hand und halte uns, gemeinsam mit mir.
Vielleicht wird der Raum überschaubarer dadurch.
Vielleicht kommen wir sogar mal wieder raus.
Du weißt schon, ins Freie…

Was sage ich dem nächsten netten Hipster, der mich fragt:
„Alles gut bei dir?“
Wahrscheinlich sage ich „Ja“ und verschwinde in der Menge,
im Raum.

notiert, 19. Februar 2015

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