Momentanes Stillleben an einem Freitag

Die Sonne heute ist ein verschwimmender Fleck im Nebel,
die Spiegelung eines Lichtscheins an einer Eisfläche.
Durch das Fensterglas betrachte ich den beige-grauen Ausschnitt,
suche Strukturen, wo keine zu erkennen sind. Wenn ich lange genug hinsehe, findet sich der Abdruck der Lampe auf der Fensterbank vor mir in den Wolken wieder.

Ein Flugzeug von links nach rechts, ein Vogel von rechts nach links,
in Farbe und Größe nicht unterscheidbar.
Der Fleck, der die Sonne darstellt, wird kleiner,
löst sich auf von gelb zu grün.
Der Himmel glatt. Endlich keine Struktur mehr, nirgends.

Still ist es außerdem, erstaunlich still für einen Freitagnachmittag.
Ein Stockwerk tiefer läuft der Fernseher und lässt sich ignorieren.

Das Licht draußen ist immer noch Winter.
Auf dem Tisch stören Krümel und da hängt tatsächlich nach wie vor
der Weihnachtsstern von der Decke
(erhabenes Papiergebilde, viel zu schade zum Zusammenfalten)…

Der Computer ist ausnahmsweise einmal aus,
um diese Zeit am Nachmittag.
Denn ich mache jetzt mal nichts,
sage ich mir und schaue aus dem Fenster
in einen konturlosen Himmel mit einzelnem Sonnenfleck
und lasse alles zu, was meine Augen wahrnehmen.

Der Oberfläche des Sofabezuges nachspüren,
wie sie aus nächster Nähe betrachtet ihre Struktur verändert.
Was für wilde Formen die Zweige in der Vase annehmen können.
Die Holzmaserung der Tischplatte in Schrägansicht,
glänzend, alt, baumartig.
Und wie das Licht im Raum von weiß zu grau wandert
von vorne nach hinten.

Hinschauen dann, plötzlich, wenn die Sonne durch den Dunst versucht,
sich ihren Platz am Himmel zurückzuerobern.

In diesem ganzen Nicht-Geschehen steckt so viel…

Sogar die Zeit ist immer noch da, sie bewegt sich.
Die Sonne ist gewandert, seit ich angefangen habe zu schreiben.
Bald wird sie über den Rand des Fensterahmens hinaus
und aus meinem direkten Blickwinkel verschwunden sein.

Ich habe noch etwas Ins-Reine zu schreiben von gestern
und etwas zu überarbeiten vom Tag davor.
Ich muss noch einkaufen gehen.
Es gibt viel zu tun und noch mehr zu denken.

Und dieser unscheinbar langsame, gedankenlose Nachmittagsmoment
wird schnell vorüber sein.

Ich bin froh darüber, ihn entdeckt zu haben.
In diesem beige-grauen strukturlosen Himmel vor dem Fenster.

notiert, 04.März 2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s